Die Relativität des Goldpreises

 

Warum wir noch weit von einer Blase entfernt sind…

Beim Blick auf den Goldpreis ist für viele klar: Das gelbe Metall ist viel zu teuer. Eine Blase, Übertreibung. Bloss nicht mehr kaufen! Finger weg!

Hier stellt sich die sachliche Frage: Ab wann ist der Preis einer Ware aber eigentlich zu teuer? Ein Preis ist zunächst mal nur eine Zahl und sagt für sich sehr wenig aus. Ein Vergleich von mehreren Preisen ist dagegen schon etwas spannender: 35 ist viel kleiner als 850. Und 850 ist auch deutlich kleiner als 1700.


Jetzt kann man absolute und relative Veränderungen analysieren. Abgebildet wird das ganze am besten in einer Grafik mit Zeitachse. Der Trend bzw. die Entwicklung eines Preises wird nun für jeden deutlich. Ob nun ein Gut teuer ist oder nicht beurteilen viele anhand historischer (Höchst-) Kurse.


Hinter einem Preis steckt viel mehr. Genauer gesagt ist er ein Austauschverhältnis zweier Gütermengen. Für eine sachliche Bewertung eines Preises muss daher immer auch das Tauschgut berücksichtigt werden. Dieses wird bei einem linearen Chart nahezu immer außer Acht gelassen.

 

Dazu folgendes vereinfachtes Beispiel:

Wenn ein Bauer eine Kuh in zehn Schafe tauscht, beträgt für ihn der Preis einer Kuh also 10 $chafe (vereinfacht: $). Nun rafft eine Tierseuche plötzlich die Hälfte alle Kühe dahin, die Schafe bleiben „ungeschoren“. Der Ökonom würde sagen, das Angebot an gesunden Kühen ist deutlicher kleiner geworden, sprich hat sich halbiert. Es ist anzunehmen, dass der Preis bei konstanter Nachfrage nach Kühen stark steigen wird. Die Ware Kuh wird knapp. Sagen wir - obwohl das nicht zwingend sein muss - der Kuhpreis geht in Richtung 20 $. Ein Preisanstieg von 10$ auf 20$? Ist das nun eine spekulative Blase? Finger weg von Kühen?


Aufgrund einer technologischen Erfindung (Gewehr) gelingt es den natürlichen Feind der Schafe - den Wolf - vollständig auszurotten. Die Schafe freuts und sie vermehren sich. Sagen wir die Schafspopulation verdoppelt sich innerhalb kurzer Zeit. Das Angebot an Schafen ist nun größer geworden. Das einzelne Schafe wird damit relativ gesehen weniger wert. Wie wird sich daraufhin der Preis für eine gesunde Kuh entwickeln? Wahrscheinlich wird er in $chafen ausgedrückt stark steigen, vielleicht sogar verdoppeln. Immer unter der Annahme, dass die Nachfrage nach den beiden Tieren in etwa konstant bleibt. Eine Kuh kostet nun 40 $!? Eine Vervierchfachung des ursprünglichen Preisniveaus! Wahnsinn, das muss eine Kuhpreisblase sein!


Nun, dieses einfache Beispiel zeigt sehr schön, dass eine unkritische Betrachtung von Preisentwicklungen zu schwerwiegenden Fehleinschätzungen führen kann. Dabei haben wir hier jeweils nur Angebotsveränderungen der zwei Güter betrachtet. Nachfrageveränderungen bzw. Substitutions- und Einkommenseffekte finden natürlich auch noch statt. Demnach würden viele Einwohner ab einem bestimmten Punkt erfahrungsgemäß den teuren Konsum von Rinderfleisch zugunsten von Hammelfleisch einschränken. Der hohe Preis wird Kuhimporteure anlocken und Schafsbauern animieren, auf Rinderhaltung umzusteigen. Der freie Markt findet sein Gleichgewicht.


Diesen Mengen- und Preis-Zyklus nennt man übrigens Schweinezyklus, weil er bei den Schweinen erstmals beobachtet und beschrieben wurde. Die Umstände, die einen Preis bestimmen, sind also komplex und sehr dynamisch. Ein unverfälschter Marktpreis liefert uns wertvolle Erkenntnisse über relative Knappheit.

 

Nun zum Goldpreis.

Der Goldpreis ist ebenfalls in Wirklichkeit ein Austauschverhältnis zweier Güter: Nämlich der einer Goldunze und einem buntem Geldschein aus Papier. Die Angebotsveränderung bei Gold ist sehr überschaubar. Aufgrund der Seltenheit und hohen Kosten der Förderung kommen jedes Jahr nur ca. 2% mehr an Gold zur bereits bestehenden Goldmenge hinzu. Die Nachfrage lassen wir erst mal konstant. Nun zum „Tauschgut Papierzettel“. Die Produktionskosten eines Papierscheines sind nicht der Rede wert. Daher ist eine massive (Angebots-) Ausweitung der durch keinen Sachwert gedeckten Geldmenge theoretisch und real ganz einfach. Geld entsteht zum einen durch die Zentralbank („Geld drucken“) und durch Kreditgeldschöpfung der Geschäftsbanken. Die Geldmengenausweitung wird bei der Beurteilung, ob Gold zu teuer ist, sehr oft übersehen.

 

Sehen wir uns die Fakten an:

Im Jahr 1918 kostete eine Unze Gold noch knapp 21 Papier-$. Die Dollar-Geldmenge betrug damals 4,9 Mrd. $. Hier betrachten wir von den vielen Geldmengenarten nur diejenige, die im Wesentlichen von der US-Zentralbank kontrolliert wird. Geld war damals an Gold gebunden. Deshalb konnte die Geldmenge nur mäßig steigen und ausgeweitet werden. Einige Jahrzehnte, Kriege und Finanzkrisen später zahlen wir nicht mehr mit stabilem und wertvollen Gold, sondern billigerem, bunt bemaltem Papier.


Die aktuelle Geldmenge beträgt nun knapp 2.700 Mrd. $. Das ist das 551-fache gegenüber der Menge von 1918! Dies sollte man sich immer vor Augen halten, wenn man die Preisentwicklung von Gütern bewertet. Egal ob Brot, Benzin oder Gold. Im selben Zeitraum hat sich die Goldmenge durch Förderung von ca. 40 auf 160 Tausend Tonnen nur vervierfacht. Das Geldangebot ist also 138 mal schneller gewachsen als das Goldangebot. Gemäß unseres obigen Zirkelschlusses hätte sich der Goldpreis um den Faktor 138 in Richtung 2.900 $ verteuern müssen.


Bei einem Goldpreis von 1700 $ hat sich der Preis für das gelbe Metall seitdem aber nur um das 81-fache verteuert. Im Vergleich zur riesigen Geldmenge ist Gold also immer noch massiv unterbewertet. Unsere Preisberechnung bietet dabei nur einen relativen Anhaltspunkt, wo wir stehen. Es handelt sich natürlich nicht um ein ökonomisches Naturgesetz. Marktpreise ergeben sich immer nur durch Angebot und Nachfrage!

 

Wie eine wirkliche Blase aussieht zeigt das Jahr 1979.

Am Ende der letzten Goldhausse kostete eine Unze Gold 850 $, während 130 Mrd. $ grüne Papierscheine um den Globus schwirrten. Der Goldpreis hatte sich im Vergleich zu 1918 um das 40-fache erhöht, die Geldmenge nur um das 26-fache. Damit war Gold in der Tat in einer spekulativen Blase. Der Preis fiel danach stark zumal auch die hohen Teuerungsraten mit hohen Zinsen bekämpft wurden. Absolute Preise sagen also gar nichts aus.

 

Alles ist relativ.

Das wird besonders in Hyperinflationen (= Hypergeldmengenausweitungen) wie in Deutschland 1923 deutlich. Damals kostete eine Unze Gold in der Spitze einen respektablen Papiergeldberg von 86.814.000.000.000 (= 86,8 Billionen) Reichsmark. Bis dahin haben wir beim Goldpreis in Dollar oder Euro gerechnet noch ein gutes Stück vor uns.

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